Die Stadt Biel will das ehemalige Pflegeheim Oberes Ried der Stiftung Hospiz Biel/Bienne im Baurecht abtreten. Bis Leben in das verlassene Gebäude einkehrt, werden aber noch Jahre vergehen.
Bieler Tagblatt: 4. Juli 2026
Brigitte Jeckelmann
Jetzt ist es klar: Im ehemaligen Alters- und Pflegeheim Oberes Ried in Biel soll ein Hospiz entstehen. Also ein Ort, an dem schwerkranke Menschen von Fachleuten und freiwilligen Mitarbeitenden umsorgt die letzte Zeit ihres Lebens verbringen können. Die Liegenschaft ist im Eigentum der Stadt Biel. Laut Stadtpräsidentin Glenda Gonzalez Bassi (PSR) hat die Stadt mit der Stiftung Hospiz Biel/Bienne eine Reservationsvereinbarung für die Parzelle getroffen. Ziel sei eine Vergabe im Baurecht. «Mit dem Entscheid wollten wir politisch ein Zeichen setzen», sagt sie. Die Gesellschaft trage eine grosse Verantwortung, wie man mit Menschen am Lebensende umgehen sollte.
Gonzalez Bassi: «Diese müssen wir gemeinsam tragen.»
Derzeit arbeiten vier Teams aus Architekten, Planern und Landschaftsarchitekten an einer Vorprojektstudie für das künftige Hospiz.
Knackpunkt Finanzierung
Für Gianclaudio De Luigi ist dies ein wichtiger Schritt. Er ist der Präsident des Fördervereins Hospiz Biel/Bienne. Der ursprünglich gelernte Schreiner und Wirt des Restaurants Il Grano in Büren hat vor fünf Jahren den Verein gegründet. Vor einem Jahr kam die Stiftung hinzu. Sie hat den Zweck, das Hospiz zu errichten und den Betrieb zu führen.
Im Stiftungsrat sind lokale Akteure aus dem Gesundheitswesen wie der Direktor des Spitalzentrums Biel und die Direktorin der Hirslanden Klinik Linde vertreten. Stiftungsratspräsident ist der frühere Bieler Stadtpräsident und Alt-Ständerat Hans Stöckli (SP). «Ein Hospiz ist eine wichtige Institution, die in der Region fehlt», begründet er sein Engagement. Das Obere Ried soll diese Lücke schliessen und entsprechend der Bevölkerung der Region zweisprachig geführt werden. Gesundheitsthemen liegen ihm seit er in der ständerätlichen Gesundheitskommission und als Präsident nationaler Gesundheitsorganisationen entsprechende Erfahrungen sammeln konnte. Seit seinem Abschied von der Politbühne amtet er zudem als Zentralpräsident von Alzheimer Schweiz.
Für das Hospiz in Biel rechnet Stöckli mit einem notwendigen Kapital von rund zehn Millionen Franken. Fünf davon sind schon vorhanden. Sie stammen von der Hans und Liliane Strasser-Stiftung. Diese steuerte auch die Hälfte des Stiftungskapitals bei und ist im Stiftungsrat aktiv vertreten.
Hans Strasser war ein bekannter Bieler Bankier. Er starb 2007 und war unter anderem Verwaltungsratspräsident des Schweizerischen Bankvereins. Über die restlichen fünf Millionen macht sich Stöckli keine allzu grossen Sorgen: «Die sollten wir doch beschaffen können.»
Der eigentliche Knackpunkt ist die Finanzierung des Betriebs. Wegen der komplexen Krankheitssituation benötigen Patientinnen und Patienten im Hospiz mehrere verschiedene Fachpersonen: Neben speziell für Palliative Care ausgebildeten Pflegefachleuten kommen auch Seelsorgerinnen, Psychotherapeuten und Sozialarbeiter zum Einsatz. Rund um die Uhr.
Daher ist der Aufenthalt im Hospiz zwar teurer als im Pflegeheim, kostet aber nur knapp halb so viel wie im Spital. Momentan vergütet der Kanton ein Hospiz jedoch gleich wie ein Pflegeheim. Stöckli: «Das reicht nicht.» Deshalb müsse ohne Spenden und Mitgliederbeiträge mit einem jährlichen Defizit von rund einer Million Franken gerechnet werden.
Vereinspräsident Gianclaudio De Luigi hofft, das Defizit mit den Beiträgen der Vereinsmitglieder und Spenden verringern zu können. So finanzieren sich die meisten anderen Hospize in der Schweiz. Derzeit hat der Bieler Förderverein 180 Mitglieder. Sie bezahlen pro Jahr 50 Franken. De Luigi spricht von Hospizvereinen mit weit über 1000 Mitgliedern. Anders seien Hospize bislang nicht zu finanzieren. Daneben braucht es auch freiwillige Mitarbeitende, die sich um die Anliegen der Patientinnen und Patienten kümmern. Sei es, indem sie ihnen etwas vorlesen, mit ihnen spazieren gehen oder einfach nur da sind. De Luigi rechnet für das Bieler Hospiz mit einem Bedarf von gut 100 Freiwilligen. Diese würden zwar für ihr Engagement nicht entlöhnt. Der Verein sorge aber im Gegenzug für eine Ausbildung.
Lebensqualität im Vordergrund
«Ein Hospiz ist ein Ort zum Leben, nicht zum Sterben.» Dieser Satz stammt von der Ärztin Sibylle Jean-Petit-Matile.
Sie hat das Hospiz Zentralschweiz in Luzern aufgebaut und ist Präsidentin des Dachverbands Hospize Schweiz. Was sie damit meint: Im Hospiz steht die Lebensqualität der kranken Menschen im Vordergrund.
Sie ärgert sich darüber, dass die Finanzierung der Palliative Care noch immer nicht geklärt ist, «obwohl dies bereits vor 17 Jahren zu Beginn der Nationalen Strategie Palliative Care ein zentraler und dringlicher Punkt war». Der Bund erklärt die Kantone für zuständig und umgekehrt.
«Keiner will das Heft in die Hand nehmen und Lösungen schaffen», sagt Jean-Petit-Matile.
Wie die Ärztin erklärt, handelt es sich bei den Patienten in Hospizen nicht vorwiegend um betagte Menschen. Im Gegenteil. Das Durchschnittsalter betrage rund 70 Jahre. Auch Jugendliche und junge Erwachsene, die an einer unheilbaren und fortgeschrittenen Krankheit leiden, brauchen ein Hospiz: Dann, wenn es zu Hause nicht mehr geht, aber weder das Spital noch das Pflegeheim der geeignete Ort für die verbleibende Zeit sind. Der Aufenthalt im Hospiz solle für sie alle bezahlbar sein, fordert Jean-Petit-Matile.
Im Kanton Bern läuft derzeit ein Pilotprojekt mit drei Hospizen in Bern und Corgémont. Eines davon ist das Kinderhospiz Allani. Die Pilotphase läuft bis 2030. Während dieser Zeit beteiligt sich der Kanton an der Finanzierung der drei Institutionen. Erst danach entscheidet die Berner Regierung über das weitere Vorgehen.
Bisher ist das Wallis der einzige Kanton in der Schweiz, der seinen beiden Hospizen in Ried-Brig und Sion eine Tagespauschale bezahlt. Zusammen mit den Beiträgen der Krankenkasse komme man über die Runden, lässt sich eine Walliser Hospizleiterin in einem Beitrag von Radio SRF zitieren.
Bundesrat hat Bedarf erkannt
Dabei gibt es in der Schweiz zu wenig Hospize. Zu diesem Schluss kommt ein letztes Jahr erschienener Bericht des Bundesamts für Gesundheit. Anlässlich des nationalen Fachkongresses Palliative Care in Biel im letzten November sagte Bundesrätin Elisabeth Baume Schneider (SP), der Handlungsbedarf sei erkannt. Heute sei klar: Palliative Versorgung sei nicht bloss ein «nice to have».
Im Herbst 2024 kam durch die parlamentarische Initiative des Thuner EVP-Nationalrats Marc Jost Bewegung in die Angelegenheit. Darin verlangt er, die Finanzierung der Palliative Care endlich zu regeln. «Die Zeit der Ausreden ist vorbei», schreibt Jost auf seiner Webseite. Palliative Care sei im Interesse von uns allen. Sie erhöhe die Lebensqualität in der letzten Lebensphase, entlaste gleichzeitig die Spitäler und führe damit zu Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem.
Jost: «Es gibt keinen Grund, die Umsetzung weiterhin auf die lange Bank zu schieben.»
Der Vorstoss passierte die zuständigen Kommissionen sowohl in der grossen als auch in der kleinen Kammer. Nun liegt der Ball bei der nationalrätlichen Kommission für Soziales und Gesundheit. Der Bundesrat werde zum Bericht Stellung nehmen, versprach Bundesrätin Elisabeth Baume Schneider in Biel: «Es ist mir bewusst und es ist dem Bundesrat bewusst, dass der Zugang zur Palliativversorgung für alle Menschen am Lebensende gewährleistet sein soll.»
Derweil schreitet das Projekt Hospiz im Oberen Ried voran. Das historische Gebäude, das einst der Bieler Künstlerfamilie Robert gehörte, steht seit 2021 leer und wartet auf neues Leben. Es liegt idyllisch oberhalb der Stadt am Waldrand. Weit weg vom rauschenden Verkehr, inmitten von Grün und Vogelgezwitscher. Für Hans Stöckli und Gianclaudio De Luigi ist es ein Kraftort. Ideal für ein Hospiz. Beide hoffen, dass es den Betrieb noch vor Ablauf dieses Jahrzehnts aufnehmen kann.